Das Wort „Lebensmittel“ spricht für sich: Das Qualitätsstreben unserer Branche ist es, Lebensmittel zu erzeugen und herzustellen, die Leben vermitteln. Die Produktion muss also nachhaltig umweltschonend erfolgen. Die Lebensmittel sollen „lebendig“ nahrhaft sein, die Gesundheit fördern, Bestandteil einer gesunden Lebens- und Ernährungsform sein und die Leistungsfähigkeit unterstützen. Damit erhalten unsere Produkte die Zukunft.

Unser Verständnis eines Lebensmittels beinhaltet sehr viel mehr, als die Garantie der Abwesenheit schädlicher Stoffe oder anderer Risiken. Denn: die Natur ist niemals risikofrei! Medien, Politik und Behörden sehen das anders. Sie fokussieren sich bei Lebensmitteln sehr stark auf den Aspekt der Sicherheit.

  • Wenn die Diskussion über Pyrrolizidinalkaloide (PA) und Tropanalkaloide (TA) dazu führt, dass auch das letzte Kräutlein vom Acker verschwindet, was bleibt dann von dem Qualitätsanspruch der Branche, Lebensmittel anzubieten und die Biodiversität zu fördern?
  • Wenn die Freilandhaltungssysteme regelmäßig wegen Kontaminationsrisiken durch industriell freigesetzte Umweltgifte unter Druck geraten, wie wollen wir langfristig das Versprechen erfüllen, tiergerechte Haltungssysteme zu etablieren?
  • Wenn die Verwendung von Mist/Mistkomposten aufgrund der bakteriellen Begleitflora bei Gemüsekulturen auf spätestens sechs Monate vor der Ernte beschränkt wird, wie soll dann ökologischer Gemüsebau arbeiten?

Über die Beherrschung der Natur

In der Verbraucherschutzpolitik werden im politischen und behördlichen Umfeld die Begriffe „Qualität“ und „Sicherheit“ sehr oft und damit irreführend synonym gebraucht. Eine starke bzw. fast ausschließliche Fokussierung der Qualitätsdebatte auf die Abwesenheit von Kontaminanten, d.h. auf das nicht Vorhandensein negativer Einflüsse, und dessen Gleichsetzen mit Qualität, führt dazu, dass wesentliche, positive Qualitätsmerkmale als „nice to have“ und nicht notwendig oder ernstzunehmend betrachtet werden. Was gestern noch genussvoll verspeist wurde, ist morgen krebserregend und nicht mehr verzehrfähig.

Dadurch fühlen sich Verbraucherschutz-Verantwortliche in Politik und Behörden sowie Verbände zum Handeln bzw. Kommentieren gedrängt – unabhängig von einer nüchternen Abwägung der tatsächlichen Sachlage.

Die Beispiele machen klar, dass der Mensch sich herausgedacht hat aus seiner Natur. Sein Credo scheint zu sein: Nur die vollkommene Beherrschung der Natur garantiert Sicherheit. Die zwingende Konsequenz ist die synthetische Nahrung, die vollkommen vom Menschen kontrolliert wird.

Wir fürchten uns vor der Natur, die uns umgibt und vor unserer Leiblichkeit, also vor der Natur, die wir selbst sind. Wir sind uns selbst so fremd geworden, dass primäre Bedürfnisse wie Essen und Trinken ihre Selbstverständlichkeit und „Natürlichkeit“ verloren haben. Sie werden zum Angstthema, zum intellektuellen Kraftakt, zur Willensfrage.

Freiheit aushalten und Güter abwägen

Dieses Herausdenken aus der Natur und das Vorsorgeprinzip führen in der Konsequenz dazu, dass oft bereits eine „Anfangsvermutung“ – und sei diese noch so abwegig – zu weitreichenden Folgen für die Gesellschaft und die Wirtschaftsbeteiligten führen kann. Die Behörden nehmen dabei eine zunehmend unglückliche Rolle ein. Zu Recht liegt die Verantwortung bei den Unternehmen. Doch Freiheit muss von den Behörden „ausgehalten“ und von den Unternehmen mit Verantwortung gefüllt werden.

In den Debatten gelingt es zunehmend weniger den potentiellen Nutzen und das mögliche Risiko gegeneinander abzuwägen. Ob ich ein Glas Bier trinke, eine neue Beziehung beginne, am Wochenende mit dem Auto zu einem Freund fahre oder eine Firma gründe – immer gilt es potentielle Risiken gegen einen möglichen Nutzen abzuwägen.

Wie diese Abwägung stattfindet, ist dann entweder Ergebnis individueller Ausrichtung oder – auf staatlicher Ebene – Ergebnis gesellschaftspolitischer Prozesse.

Um nicht missverstanden zu werden: unbestritten ist, dass es selbstverständlich sehr wichtig ist, potentiell negative Einflüsse auf Lebensmittel so gut wie möglich einzuschränken oder – wo möglich – auszuschließen. Dies muss jedoch so geschehen, dass eine ganzheitliche Güterabwägung erfolgt.

Was wir stattdessen benötigen

Wir brauchen eine Vorstellung von Normalität, um eine Zukunft mit natürlichen Lebensmitteln zu gewährleisten.

Wir benötigen eine gesellschaftliche Diskussion um die Frage zielgerichteter Risikobewertung basierend auf einer Güterabwägung.

Wir wünschen uns, dass Politik und Medien sich trauen, diese umfangreiche, differenzierte Debatte nach außen zu tragen. Rein öffentlichkeitswirksame Argumente bergen erhebliche Risiken und greifen beim Thema Lebensmittelqualität und -sicherheit zu kurz.

Wir brauchen eine Diskussion, die Lebensmittelunternehmen Klarheit darüber verschafft, welche Qualitätsauffassung die Bürger neben der Minimierung von Kontaminanten haben, um ihr unternehmerisches Handeln an diesen Ansprüchen ausrichten zu können.

Wir wünschen, dass alle Beteiligten am Meinungsmarkt darüber nachdenken, welche Schäden durch die Angstprägung und Desorientierung entstehen können – für den Einzelnen und für die Gesellschaft.

Letztendlich geht es um die Fragen, wie viel Freiheit sich unsere Gesellschaft zutraut, wo der Einzelne Verantwortung übernehmen muss und in welchen Themen es tatsächlich notwendig ist, dass der Staat seine Fürsorgepflicht entfaltet.

 

Dieser Beitrag ist ein Gemeinschaftswerk von Dr. Alexander Beck (AöL), Dr. Ulrich Mautner (Salus Haus) und Andreas Swoboda (Bio Breadness).

Das komplette Positionspapier der AöL zum Thema “Qualität und Sicherheit” gibt es HIER.

 

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